- Zeitschrift
- The Daily Mail (Brisbane, Qld.) – Dorothy Dix, syndizierte US-Kolumne
- Datum
- 20.10.1926
- Seite
- 12
- Rubrik
- Dorothy Dix: Life's Greatest Fun — Work. The Comradeship of a Dog. Advice to Two Boys of 20 Who Do Not Want to Work — The Jealous Wife Whose Only Rival Is Her Husband's Dog — The Typist-Wife Whose Husband Takes All Her Earnings
- Absender
- Worried Wife
- Sprache
- Englisch
Der Brief
Die Frage
Original · Englisch
Dear Miss Dix, — I am a young married woman, a typist working every day and three nights a week for two different firms. My husband is a salesman in a real estate office, but not entirely depending on that source for a living. He requires me to pay all of our living expenses, such as rent, food, laundry, etc., while he puts all he earns in the bank. He even makes me give him spending money, although he has more than I have. Do you think this is fair?
WORRIED WIFE.
Deutsch
Liebe Miss Dix, ich bin eine junge Ehefrau und arbeite als Stenotypistin jeden Tag und drei Abende die Woche für zwei verschiedene Firmen. Mein Mann ist Verkäufer in einem Immobilienbüro, ist für seinen Lebensunterhalt aber nicht allein darauf angewiesen. Er verlangt, dass ich alle unsere Lebenshaltungskosten bezahle, also Miete, Essen, Wäsche und so weiter, während er alles, was er verdient, auf die Bank bringt. Er lässt sich von mir sogar Taschengeld geben, obwohl er mehr hat als ich. Finden Sie das gerecht?
BESORGTE EHEFRAU.
Die Antwort
Original · Englisch
Certainly not. If you pay half of the living expenses, it is all and more than he should expect of you, and you should have the balance of your money to do with as you please. As matters stand, if your husband should tire of you and decide to leave you, he would have all the money and leave you destitute. A good husband who means fairly by his wife does not try to take all of her money away from her; therefore, a wife does well to be suspicious of her husband when he tries to rob her of […].
DOROTHY DIX.
Deutsch
Gewiss nicht. Wenn Sie die Hälfte der Lebenshaltungskosten zahlen, ist das alles und mehr, als er von Ihnen erwarten darf. Über den Rest Ihres Geldes sollten Sie frei verfügen. So wie die Dinge stehen: Würde Ihr Mann Ihrer überdrüssig und verließe Sie, hätte er alles Geld und ließe Sie mittellos zurück. Ein guter Ehemann, der es ehrlich mit seiner Frau meint, versucht nicht, ihr all ihr Geld abzunehmen. Darum tut eine Frau gut daran, ihrem Mann zu misstrauen, wenn er sie um […] bringen will.
DOROTHY DIX.
Die Zeit dahinter
Die Ratgeberin mit 273 Zeitungen
Dorothy Dix hieß eigentlich Elizabeth Meriwether Gilmer. Sie kam 1861 in Woodstock, Tennessee, zur Welt und starb 1951 in New Orleans. Dort fing sie 1894 bei der Daily Picayune an. Die Verlegerin Eliza Jane Nicholson wohnte nebenan. Sie gab ihr die erste Stelle und bat sie um eine Ratgeberspalte für Frauen, berichtet die Enzyklopädie 64 Parishes. 1901 holte Hearst sie nach New York. Ab 1923 verkaufte das Public Ledger Syndicate aus Philadelphia ihre Kolumne an 273 Zeitungen. Das verzeichnet die Dix-Zeitleiste der Austin Peay State University. Dort steht auch die oft zitierte Zahl von 60 Millionen Lesern. Sie ist eine zeitgenössische Schätzung; niemand hat nachgezählt.
Dieselbe Zeitleiste schätzt ihr Einkommen 1930 auf 80.000 Dollar im Jahr. Der Durchschnittsamerikaner verdiente weniger als 1.500. In den 1920ern erreichten Dix jede Woche Hunderte Briefe. Einer kam von einer „Worried Wife“. Die Brisbaner Daily Mail druckte ihn am 20. Oktober 1926 nach. Die Schreiberin war also vermutlich Amerikanerin; die Leserinnen in Queensland lasen ihre Sorge Wochen später.
Mit 21 heiratete Dix George Gilmer, den Bruder ihrer Stiefmutter. Er hielt keine Stelle lange, seine Launen wurden schlimmer. Sie verdiente das Geld. Später brachten Verwandte ihn in eine Anstalt. 1926 war Dix verheiratet und lebte doch allein. Ihr Satz, der Mann hätte beim Abschied alles Geld und die Frau nichts, klingt nach eigener Erfahrung.
Die Schreibmaschine gehört den Frauen
Die Briefschreiberin tippt für zwei Firmen, jeden Tag und an drei Abenden der Woche. Sie gehört zur weiblichsten Berufsgruppe im Büro. 1870 waren in den USA 5 Prozent der Stenografen und Schreibkräfte Frauen, 1900 schon 77 Prozent. 1920 waren es 92, 1930 sogar 96 Prozent. Die Reihe stellt das Early Office Museum nach einer Studie von Kwolek-Folland zusammen. 1920 arbeiteten knapp 1,4 Millionen Frauen in amerikanischen Büros.
Verheiratet war dort kaum eine. Die Ökonomin Claudia Goldin nennt die Regeln dahinter „marriage bars“. Firmen entließen Frauen bei der Hochzeit oder stellten Ehefrauen gar nicht erst ein. Eine Umfrage von 1931 unter Großfirmen in vier Städten ergab: 12 Prozent kündigten bei Heirat, rund 29 Prozent nahmen keine Verheirateten. Rechnet man die ungeschriebene Praxis hinzu, war es mehr als die Hälfte. So steht es in Goldins Arbeitspapier für das NBER. 1920 arbeiteten nur rund 11 Prozent der erwerbstätigen Ehefrauen als Lehrerin oder Bürokraft. Die „Worried Wife“ war eine Ausnahme. Warum ihre Firmen sie behielten, verrät der Brief nicht.
Ihr Lohn, sein Sparbuch
Rechtlich gehörte ihr Gehalt ihr. Das war nicht immer so. Unter der „coverture“ des englischen Rechts hatte die Ehefrau keine eigene Rechtsperson. Sie konnte kein Eigentum halten, keine Verträge schließen, keinen Lohn im eigenen Namen beziehen. Die Bundesstaaten schafften das schrittweise ab: Mississippi 1839, New York 1848 und 1860, Massachusetts 1855. Noch 1887 sicherte ein Drittel der Staaten den Ehefrauen ihren Lohn nicht gesetzlich zu. Das zeigt die Wikipedia-Übersicht zu den Married Women’s Property Acts.
1926 stand also kein Gesetz zwischen der Frau und ihrem Geld. Ihr Mann stand dazwischen. Er verkauft Immobilien, hat weitere Einkünfte und bringt alles zur Bank. Sie zahlt Miete, Essen, Wäsche – und ihm noch ein Taschengeld. Dix antwortet mit zwei Wörtern: „Certainly not.“ Dann rechnet sie. Die Hälfte der Kosten sei mehr als genug, der Rest gehöre ihr. Ein Mann, der seiner Frau alles nimmt, verdiene Misstrauen. Schon 1902 hatte Dix die Hausfrau die am härtesten arbeitende und am schlechtesten bezahlte Arbeiterin der Welt genannt, belegt die englische Wikipedia. Hier schützt sie eine Frau, die beides ist: Hausfrau und Lohnarbeiterin.
Echo von heute
Peggy Olson und die ökonomische Gewalt
In Mad Men fängt Peggy Olson im März 1960 als Sekretärin von Don Draper an. Elisabeth Moss spielt sie. In einer Fokusgruppe für Lippenstift fällt sie auf und wird Junior-Texterin, später Copy Chief. Ihr Weg zeigt: Auch 34 Jahre nach diesem Brief war das Schreibbüro weiblich und der Aufstieg die Ausnahme.
Das Problem der „Worried Wife“ hat heute einen Namen: ökonomische Gewalt. Großbritannien zählt „economic abuse“ seit dem Domestic Abuse Act 2021 zur häuslichen Gewalt. Gemeint ist: Ein Partner erschwert dem anderen den Zugang zu Geld und Eigentum. Das deutsche Gewaltschutzgesetz nennt diese Form bisher nicht. Dix fehlte 1926 das Wort. Sie schrieb „not fair“ und meinte dasselbe.
Quellen und Weiterlesen
- 64 Parishes: Dorothy Dix (Biografie)
- Austin Peay State University: Dorothy Dix Timeline
- Early Office Museum: Women in the Office (nach Kwolek-Folland)
- Claudia Goldin: Marriage Bars, NBER Working Paper 2747
- Wikipedia: Married Women’s Property Acts in the United States
- Wikipedia: Dorothy Dix
- Wikipedia: Peggy Olson
- UK Domestic Abuse Act 2021, Section 1
Quelle: Trove (National Library of Australia) – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja. Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Frau an einer Underwood-Schreibmaschine, 1918. Library of Congress. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
