Seelenblut

Alte Briefe an den Kummerkasten – im Original, übersetzt, erklärt

Ein Abend pro Woche

1926: Eine Mutter will einmal ins Kino, während ihr Mann auf die Kinder aufpasst. Er schmollt tagelang. Dorothy Dix: „Harte Worte brechen keine Knochen.“

Außenansicht des Egyptian Theatre in Hollywood 1926 mit Publikum vor dem Eingang
Zeitschrift
The Daily Mail (Brisbane, Qld.) – Dorothy Dix, syndizierte US-Kolumne
Datum
15.9.1926
Seite
12
Rubrik
Dorothy Dix: How to Study Women. Husband's Duty to the Children. The Bachelor Who Wants to Be an Authority on Women — Should Not the Husband Mind the Baby One Night a Week?
Absender
R [?]
Sprache
Englisch

Der Brief

Die Frage

Original · Englisch

Dear Dorothy Dix, — The first two years of my married life were very happy, and my husband and I were congenial pals. Then came the first baby, a frail little thing, demanding much attention. But I managed to care for him and do all my work. It was then the rift started. My husband could not bother to wait for me to go with him; besides, it was the woman's place to stay at home and take care of the baby, while the man went abroad to amuse himself. But I accepted it all cheerfully.

Now my children are 4 and 5 years, and I feel that my husband should occasionally be willing to stay with them and let me go to the pictures or to see a friend. But when I do go, he gets in a rage and does not speak for days, although I have earned the money that I spend by doing work outside the home. What do you think?

R [?]

Deutsch

Liebe Dorothy Dix, die ersten zwei Jahre meiner Ehe waren sehr glücklich. Mein Mann und ich waren gute Kameraden. Dann kam das erste Baby, ein zartes kleines Ding, das viel Zuwendung brauchte. Doch ich schaffte es, für den Kleinen zu sorgen und all meine Arbeit zu erledigen. Damals begann der Riss. Mein Mann mochte nicht warten, bis ich mitkommen konnte. Außerdem gehöre die Frau nach Hause, um das Baby zu versorgen, während der Mann ausgehe, um sich zu vergnügen. Ich nahm das alles fröhlich hin.

Jetzt sind meine Kinder 4 und 5 Jahre alt. Ich finde, mein Mann sollte ab und zu bereit sein, bei ihnen zu bleiben, damit ich ins Kino oder zu einer Freundin gehen kann. Doch wenn ich gehe, gerät er in Wut und spricht tagelang nicht mit mir, obwohl ich das Geld, das ich ausgebe, mit Arbeit außer Haus selbst verdient habe. Was meinen Sie?

R [?]

Die Antwort

Original · Englisch

I think a man is unutterably selfish who isn't willing to do some part of the work of minding the baby, and give his poor, tired, overworked wife a change and rest. The children are just as much his as hers.

Besides, it gives him a chance to get acquainted with his children, and if he has any sense of his duty as a father he must realise that if he does not win his children's love and confidence in the cradle he will never do it. It is the fathers who tell their children bedtime stories, and have pillow fights with them and play games with them, who have their children's confidence and are able to steer them along the right road when they get older.

Most children have too much mother and too little father, and every mother should make it a point to have father in charge of the youngsters every now and then. It is the only way they can ever get together and have real heart-to-heart sessions.

It does every woman good to get away from her youngsters. It gets the kinks out of her nerves and gives her something to think about. And, oh! how it does increase her husband's respect for her when he ascertains by actual experience that running a department store or a big trust is an easy job compared to running a baby, and that one three-year-old can ask more questions in an hour than an encyclopaedia could answer in a week!

So take your evening off every week. Any servant girl demands that, and make husband take his turn at looking after the kiddies. As for his rage and sulking, do not notice. Hard words break no bones.

DOROTHY DIX.

Deutsch

Ich finde, ein Mann ist unsagbar selbstsüchtig, wenn er nicht bereit ist, einen Teil der Arbeit mit dem Baby zu übernehmen und seiner armen, müden, überarbeiteten Frau Abwechslung und Ruhe zu gönnen. Die Kinder gehören ihm genauso wie ihr.

Außerdem lernt er so seine Kinder kennen. Hat er auch nur einen Funken Pflichtgefühl als Vater, muss er begreifen: Gewinnt er Liebe und Vertrauen seiner Kinder nicht schon in der Wiege, gewinnt er sie nie. Es sind die Väter, die ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählen, Kissenschlachten mit ihnen machen und mit ihnen spielen, die das Vertrauen ihrer Kinder besitzen und sie später auf den rechten Weg lenken können.

Die meisten Kinder haben zu viel Mutter und zu wenig Vater. Jede Mutter sollte darauf achten, dass der Vater ab und zu die Kleinen hütet. Nur so kommen sie je zusammen und können sich wirklich von Herz zu Herz aussprechen.

Jeder Frau tut es gut, von ihren Kleinen wegzukommen. Das glättet ihre Nerven und gibt ihr etwas zum Nachdenken. Und ach, wie sehr steigt der Respekt ihres Mannes, wenn er am eigenen Leib erfährt, dass ein Kaufhaus oder einen großen Konzern zu leiten ein Kinderspiel ist, verglichen mit einem Baby, und dass ein Dreijähriger in einer Stunde mehr Fragen stellen kann, als ein Lexikon in einer Woche beantwortet!

Nehmen Sie sich also jede Woche Ihren freien Abend. Jedes Dienstmädchen verlangt das. Und lassen Sie Ihren Mann seinerseits auf die Kleinen aufpassen. Seine Wut und sein Schmollen beachten Sie nicht. Harte Worte brechen keine Knochen.

DOROTHY DIX.

Die Zeit dahinter

Ein Abend im Kino

Die Briefschreiberin will wenig: einen Abend im Kino oder bei einer Freundin. 1926 war das Kino das Vergnügen der Massen. Ende des Jahrzehnts gingen in den USA jede Woche rund 90 Millionen Menschen ins Kino, schreibt ein Lehrbuch zur US-Geschichte. Die Zahl beruht auf Branchenschätzungen. Trotzdem zeigt sie: Der Kinobesuch gehörte zum Alltag.

Ihr Mann sieht das anders. Für ihn gehört die Frau nach Hause zum Baby, der Mann geht aus. Diese Regel gilt, seit das erste Kind kam. Es war zart und brauchte viel Zuwendung. Vorher waren die beiden „congenial pals“, gute Kameraden. Jetzt sind die Kinder 4 und 5 Jahre alt. Die Frau arbeitet außer Haus und verdient eigenes Geld. Trotzdem gerät er in Wut, wenn sie geht, und schweigt tagelang. Mit dem ersten Kind endete die Kameradschaft.

Die Ratgeberin aus New Orleans

Dorothy Dix, eigentlich Elizabeth Meriwether Gilmer, schrieb seit 1894 für Frauen. Ab 1923 druckten 273 Zeitungen ihre Spalte, verzeichnet die Dix-Zeitleiste der Austin Peay State University. Die oft genannten 60 Millionen Leser sind eine Schätzung jener Zeit. Die Brisbaner Daily Mail brachte diesen Brief am 15. September 1926. Im selben Jahr erschien ihr Buch Dorothy Dix – Her Book: Every-Day Help for Every-Day People. Die Enzyklopädie 64 Parishes beschreibt ihren Rat als direkt, humorvoll und mitfühlend.

Dix kämpfte für das Frauenwahlrecht. Zwischen 1902 und 1914 hielt sie Reden und schrieb Flugschriften. 1902 nannte sie die Hausfrau in „The Woman With the Broom“ die am härtesten arbeitende und am schlechtesten bezahlte Arbeiterin der Welt. Das berichtet die englische Wikipedia. Der Gedanke kehrt 1926 wieder. Ein Kaufhaus oder einen Konzern zu leiten, schreibt sie, sei leicht gegen ein Baby. Ein Dreijähriger stelle in einer Stunde mehr Fragen, als ein Lexikon in einer Woche beantworte.

Zu viel Mutter, zu wenig Vater

Dix argumentiert zuerst mit den Kindern. Väter sollen Gutenachtgeschichten erzählen, Kissenschlachten führen, mit ihnen spielen. Wer das Vertrauen seiner Kinder nicht in der Wiege gewinne, gewinne es nie. Dann wagt sie einen Satz, der 1926 kühn klang: „Most children have too much mother and too little father.“ Erst danach spricht sie von der Mutter. Der freie Abend glätte ihre Nerven und gebe ihr etwas zum Nachdenken.

Ihr Maßstab ist das Dienstmädchen. „Any servant girl demands that.“ Die Hausangestellte konnte ihren freien Abend einfordern. Die Ehefrau musste ihn erkämpfen. Dix misst die Ehe also an den Regeln für bezahlte Hausarbeit, und die Ehe schneidet schlechter ab.

Ehefrauen mit eigenem Lohn waren 1926 selten. Viele Arbeitgeber entließen Frauen bei der Hochzeit oder stellten Verheiratete nicht ein. Eine Umfrage der Lehrergewerkschaft NEA ergab 1928: 61 Prozent der Schulbehörden nahmen keine verheirateten Lehrerinnen. Das dokumentiert Claudia Goldin in einem Arbeitspapier für das NBER. Die Briefschreiberin hat Arbeit, Geld und zwei Kinder. Ihr fehlt ein Abend. Für das Schmollen des Mannes hat Dix einen Rat: übersehen. „Hard words break no bones.“

Echo von heute

Du hättest ja fragen können

2017 zeichnete die französische Informatikerin und Comiczeichnerin Emma „Fallait demander“. Ein Mann hilft im Haushalt, sobald man ihn bittet. Das Planen und Erinnern bleibt bei der Frau. Der Comic ging viral. 2018 erschien er auf Englisch als Buch: The Mental Load. Sein Schlüsselsatz: „You should have asked! I would have helped.“

2019 legte die Amerikanerin Eve Rodsky mit Fair Play ein Gegenmittel vor. Ihr System verteilt 100 Karten, jede für eine Aufgabe im Haushalt. Es beruht auf Interviews mit über 500 Paaren, meldet Publishers Weekly. Dix brauchte 1926 keine Karten. Sie verlangte einen Abend pro Woche für die Mutter und einen Vater, der dann die Kinder übernimmt.

Quellen und Weiterlesen


Quelle: Trove (National Library of Australia) – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja. Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Grauman’s Egyptian Theatre, Hollywood, 1926. Fotograf unbekannt. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.