Seelenblut

Alte Briefe an den Kummerkasten – im Original, übersetzt, erklärt

Wer liebt die Kinder mehr?

New York, 1906: Eine Braut und ihr Bräutigam streiten, bevor sie geheiratet haben – über Kinder, die es noch nicht gibt. Die Zeitung rät: Lest Bücher, geht zu Vorträgen.

Nachtaufnahme von Lewis Hine, 1913: Zeitungsjungen sitzen auf den Stufen des Forverts-Gebäudes und warten auf die Zeitung
Zeitschrift
פארווערטס Forverts (Jewish Daily Forward), New York
Datum
20.1.1906
Seite
4
Rubrik
א בינטעל בריעף (A Bintel Brief): Die Braut streitet mit dem Bräutigam
Absender
eine Braut, Name auf ihren Wunsch nicht veröffentlicht
Sprache
Jiddisch

Der Brief

Vorbemerkung der Redaktion

Hier passt ein anderer Brief aus unserem Bündel: Ein Mädchen, eine Braut, deren Hochzeit bald sein soll, hat mit ihrem Bräutigam gestritten, und aus dem Streit fielen scharfe Worte. Die Frage ist nicht nur an sich interessant, sondern auch deshalb, weil Bräutigam und Braut sie sich so zu Herzen nahmen, bevor sie geheiratet haben – bevor es überhaupt etwas zu streiten gibt.

Die Frage

Original · Jiddisch

„… מיר האבען גערעדט פון אונזער צוקונפטיגען לעבען — שרייבט זיא — און איך האב געזאגט, אז א מוטער איז פיעל טרייער צו איהרע קינדער, וויא א פאטער… ער וועט אויסגיין מיט בעקאנטע, אויף מיטינגס, און דיא הויז וועט איהם ניט ארען. און איך וועל ניט אבטרעטען… און טאמער איז א בייבי קראנק, וועמען דאגט דער מוח? און מיט רענט און דעם גראסער איז דען ניט אזוי?.. מיין חתן איז געווארען בייז און געזאגט אז ווייבער מאכען מעהר ניט אן וויא צרות מיט זייער נארישער טרייהייט, אז זיי צולאזען דיא קינדער און לאזען ניט אפשפייזען [?] א שלעכטען באי, און אז א פאטער איז א ריכטיגער פריינד… האב איך געזאגט איך וועל פרעגען דעם „פארווערטס“, האט ער געזאגט: „געוויס, פאר וואס ניט?“…“ (דעם נאמען בעט דיא שרייבערין אז מיר זאלען ניט פערעפענטליכען).

Deutsch

„… Wir sprachen über unser künftiges Leben – schreibt sie –, und ich sagte, eine Mutter sei ihren Kindern viel treuer als ein Vater… Er wird mit Bekannten ausgehen, zu Versammlungen, und das Haus wird ihn nicht kümmern. Und ich werde nicht nachgeben… Und wenn ein Baby krank ist, wer zerbricht sich den Kopf? Und mit der Miete und dem Krämer ist es etwa nicht so?.. Mein Bräutigam wurde böse und sagte, Frauen machten mit ihrer närrischen Treue nichts als Ärger: Sie verwöhnten die Kinder und ließen einen schlechten Jungen nicht hungern [?], und ein Vater sei der richtige Freund… Da sagte ich, ich werde den „Forverts“ fragen, und er sagte: „Gewiss, warum nicht?“…“ (Die Schreiberin bittet, ihren Namen nicht zu veröffentlichen.)

Die Antwort

Original · Jiddisch

וועלל, דיא פראגע איז א צו גרויסע, אום מיר זאלען איהר דא ענטפערען איינס, צוויי, דריי. וועגען דעם זיינען דא אינטערעסאנטע מיינונגען אויף ביידע צדדים. און מיר וועלען דאס אין קורצען מאכען א טהעמא פאר אן אפענע דעבאטע. מיר וועלען דא בלויז זאגען, אז קלוגע, ריכטיגע עלטערען ערציהען דיא קינדער אזוי, אז ביידע זיינען זיי אמת טריי און נוצליך, דיא מוטער אויף איהר שטייגער, דער פאטער אויף זיינעם. צו וואס אבער דעבאטירען אזעלכע פראגען אזוי גיך? עס וועט זיין גענוג צייט שפעטער. איצט איז דיא צייט צו האבען אונגעשטערטע ליעבע. און פאר דיא צוקונפטיגע קינדער איז דאס בעסטע וואס חתן און כלה קענען טאן איז צו לעזען וואס מעהר, וואס עפטער אויף לעקטשורס צו געהן, זיך אנטוויקלען צוזאמען, וואקסען גייסטיג. דאן וועט ארויסקומען א פאאר עלטערען, וועלכע וועלען בעסער קענען זייערע קינדער ערציהען און זיי זיין נוצליכער אין זייער טרייהייט און ליעבע.

Deutsch

Nun, die Frage ist zu groß, als dass wir sie hier mit eins, zwei, drei beantworten könnten. Es gibt dazu interessante Meinungen auf beiden Seiten, und wir werden sie bald zum Thema einer offenen Debatte machen. Hier sagen wir nur: Kluge, rechte Eltern erziehen die Kinder so, dass beide ihnen wahrhaft treu und nützlich sind, die Mutter auf ihre Weise, der Vater auf seine. Aber warum solche Fragen so früh debattieren? Dafür ist später Zeit genug. Jetzt ist die Zeit für ungestörte Liebe. Und für die künftigen Kinder ist das Beste, was Braut und Bräutigam tun können: so viel wie möglich lesen, so oft wie möglich zu Vorträgen gehen, sich zusammen entwickeln, geistig wachsen. Dann werden aus ihnen Eltern, die ihre Kinder besser erziehen können und ihnen in ihrer Treue und Liebe nützlicher sind.

Die Zeit dahinter

Wer zerbricht sich den Kopf?

Der Forward-Rückblick nennt für die erste Folge vom 20. Januar 1906 drei Briefe: den Uhrenbrief, den eines Lesers, der sich das Tischgebet für ein paar Cent sprechen ließ, und „etwas ganz anderes“ (Forward). Der Scan zeigt: Auch der Brief einer Braut stand in diesem Bündel, auf Seite 4. Ihren Namen wollte sie nicht gedruckt sehen.

Die Hochzeit steht bevor, und das Paar streitet über die Zukunft. Die Braut sagt, eine Mutter sei ihren Kindern treuer als ein Vater. Er werde mit Bekannten ausgehen, zu Versammlungen, und das Haus kümmere ihn nicht. „Und wenn ein Baby krank ist, wer zerbricht sich den Kopf?“ Miete und Krämer bleiben an ihr hängen. Der Bräutigam hält dagegen: Frauen verwöhnten die Kinder, der Vater sei ihr richtiger Freund. Einig sind sie sich nur in einem: Sie fragen den Forverts. „Gewiss, warum nicht?“, sagt er.

Lesen, Vorträge, Versammlungen

Die Redaktion weicht aus. Die Frage sei zu groß, eine offene Debatte solle folgen. Jetzt sei Zeit für die Liebe. Für die künftigen Kinder sollten Braut und Bräutigam lesen, Vorträge hören und gemeinsam geistig wachsen. Der Rat passt zur Zeitung. Rund 50 jiddischsprachige Sozialisten hatten den Forverts im April 1897 gegründet; Cahan führte ihn seit 1901 mit voller Macht (Wikipedia).

Zum selben Milieu gehörte der Arbeter Ring, der Workmen’s Circle, gegründet im September 1900 in New York. Er bot Lebensversicherung, Hilfe bei Arbeitslosigkeit und ein Grab, später auch Vortragsreihen für Erwachsene. Er teilte sich ein Bürohaus mit dem Forverts (Wikipedia). Welche Versammlungen die Braut fürchtet, sagt sie nicht.

Ob die angekündigte Debatte erschien, ist nicht belegt. Bald wurden Liebe und Ehe Hauptthemen der Rubrik; 1908 ging es in einem Brief um ein Grübchen am Kinn einer Verlobten (Lapham’s Quarterly). Die Rubrik lief bis in die frühen 1980er. Redakteur Simon Weber erklärte das Ende so: Den Lesern seien die Probleme ausgegangen (Forward).

Wer zu Hause bleibt

Die Braut beschreibt eine Arbeitsteilung, die auch die Arbeiterbewegung kannte. Gewerkschaftsführer sahen Frauen oft als Arbeitskräfte auf Zeit, bis Ehe und Kinder kamen. Doch Frauen handelten selbst: 1902 boykottierten sie Koscherfleisch, 1907 streikten sie gegen die Mieten. Am 22. November 1909 forderte die 23-jährige Clara Lemlich in der Cooper Union den Generalstreik. Fast 30.000 Beschäftigte der Blusenindustrie legten die Arbeit nieder, rund 70 Prozent davon Frauen. Nach elf Wochen hatten 339 von 353 Firmen unterschrieben (Jewish Women’s Archive). Die Braut fragte 1906 nach dem kranken Baby und dem Krämer. Knapp vier Jahre später führten Frauen den bis dahin größten Frauenstreik der USA.

Echo von heute

Die Tochter, die dem Revolutionär folgt

In Anatevka (Fiddler on the Roof, Broadway 1964, Film 1971) verliebt sich Tevjes zweite Tochter Hodel in den revolutionären Studenten Perchik. Die beiden verloben sich selbst, ohne Heiratsvermittlerin. Perchik geht nach Kiew zur Revolution, wird verhaftet und nach Sibirien verbannt. Hodel folgt ihm (Wikipedia). Scholem Alejchems Tevje-Geschichten lieferten die Vorlage. Sie erschienen zwischen 1894 und 1914 auf Jiddisch, also zur Zeit des ersten Bintel Brief.

Das Musical spielt im Zarenreich, der Brief in New York. Beide fragen: Was wird aus der Frau, wenn der Mann für die Sache lebt? Hodel steigt in den Zug nach Sibirien. Die Braut von 1906 will nicht nachgeben, bevor sie heiratet. Ob ihr Bräutigam Sozialist war, sagt der Brief nicht. Er geht nur „zu Versammlungen“.

Quellen und Weiterlesen


Quelle: National Library of Israel, Historical Jewish Press – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja. Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Lewis Hine: Zeitungsjungen warten um 1:15 Uhr nachts vor dem Forverts-Gebäude auf die neue Ausgabe, New York, März 1913. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.