Seelenblut

Alte Briefe an den Kummerkasten – im Original, übersetzt, erklärt

Der Zopf muss ab

Berlin, 1928: Lesen lesbische Frauen den Bubikopf ab? Eine Leserin widerspricht. Ihre Bekannte trug jahrelang den Zopf – der Familie zuliebe. Dann kam die Schere.

Zeitschriftenillustration von 1920: eine junge Frau beim Friseur kurz vor dem Bubikopf
Zeitschrift
Die Freundin, Berlin (Friedrich Radszuweit Verlag)
Datum
1928
Heft
1928, Nr. 6
Seite
7
Rubrik
Meinungsaustausch über Tagesfragen: Für oder gegen den Bubikopf
Absender
Charlotte Paul
Sprache
Deutsch

Der Brief

Der Leserbrief

Die allgemeine Annahme, daß homosexuelle Frauen gegen den Bubikopf sind, möchte ich bestreiten. Alle von mir bis jetzt befragten Damen empfinden das kurze Haar als „zu sich gehörig“.

Nur ein Beispiel möchte ich illustrieren, aber gleichzeitig bemerken, daß es keinesfalls im Empfindungsleben der homosexuellen Frauen einzeln dasteht.

Eine mir bekannte Dame wollte sich durchaus nicht von ihrem schönen langen Haar trennen — allerdings nur weil die kleinbürgerlichen Angehörigen noch in der alten Zopfzeit leben. Jahrelang verlangte sie im tiefen Innern nach kurzem Haar, da es ihrer Ansicht nach, (die viele homosexuelle Frauen und auch ich teilen) zu dem Wesen der uns Gleichgearteten gehört. Der unerfüllte Wunsch war oft Veranlassung zu bedrücktem, unruhigen Wesen. Jetzt, nachdem der schöne Zopf der Friseurschere zum Opfer fiel, fühlt sich die Dame viel freier, ja glücklicher. — Der Transvestit sieht sich gern in Frauenkleidern. Umgekehrt hat die homosexuelle Frau das Verlangen, sich dem Manne ähnlich zu kleiden.

Charlotte Paul.

Die Zeit dahinter

Ein Blatt kurz vor dem Verbot

Die Freundin erschien vom 8. August 1924 bis zum 8. März 1933 in Berlin. Sie gilt als erste lesbische Zeitschrift der Welt. Herausgeber war der Bund für Menschenrecht um Friedrich Radszuweit, der in den 1920ern rund 48.000 Mitglieder zählte. 1928 kam das Blatt montags heraus. Verantwortlicher Redakteur war ein Mann: Bruno Balz, später Schlagertexter. Das alles steht in der englischen Wikipedia. Umso mehr zählen die Leserbriefe. Hier sprechen Frauen selbst.

Charlotte Pauls Brief erschien in Nr. 6/1928. Kurz danach griff die Zensur. Das Schund- und Schmutzgesetz vom 18. Dezember 1926 sollte die Jugend schützen, ausdrücklich auch vor „Verführung“ zur Homosexualität. Ab Juni 1928 war Die Freundin für ein Jahr verboten, schreibt die Historikerin Claudia Schoppmann. Ein Ersatztitel sprang ein: „Ledige Frauen“, 26 Ausgaben lang. Die Debatte über den Bubikopf gehört also zur letzten freien Phase vor dem ersten Verbot.

Zopf gegen Schere

Der Bubikopf stammt aus Paris. Der Friseur Antoine entwarf den Schnitt 1909. Ab etwa 1924 wurde er in Deutschland zur Massenmode und zum Zeichen der Neuen Frau, mit Varianten wie Pagenschnitt und Etonschnitt, hinten kurz wie bei Männern. So fasst es die deutsche Wikipedia zusammen. Den Funken lieferte ein Film: Asta Nielsens „Hamlet“ hatte am 9. Februar 1921 Premiere, viele Zuschauerinnen ahmten ihre Frisur nach. Die evangelische Kirche nannte den Bubikopf „undeutsch“. Kritiker klagten, man könne Frauen kaum noch von Männern unterscheiden, berichtet wissen.de.

Die Fronten waren klar. Für Konservative zeigte der kurze Schnitt den kulturellen Niedergang, für Liberale die Moderne und die Emanzipation. Berlin war das Zentrum von Modeindustrie und Illustriertenpresse, erklärt das Quellenportal German History in Documents and Images. Charlotte Pauls Brief kennt diese Front. Die Angehörigen ihrer Bekannten leben „noch in der alten Zopfzeit“. Sie sind „kleinbürgerlich“. Der Zopf steht dort für die Familie, die Schere für das eigene Leben.

Erkennungszeichen und Tarnung

Die Debatte lief unter dem Titel „Meinungsaustausch über Tagesfragen: Für oder gegen den Bubikopf“. Sie begann in Nr. 5 mit Zitaten englischer Damen. Charlotte Paul widerspricht einer verbreiteten Annahme: Homosexuelle Frauen seien gegen den Bubikopf. Sie hat herumgefragt. Alle Damen empfinden das kurze Haar als „zu sich gehörig“. Ihre Bekannte behielt jahrelang den Zopf, der Familie zuliebe. Sie wurde bedrückt und unruhig. Nach dem Schnitt fühlt sie sich „viel freier, ja glücklicher“.

Online fand die Recherche keine Studie über die lesbische Bedeutung des Bubikopfs in den 1920ern. Der Brief ist selbst der Beleg: In der Szene stritten Frauen darüber. Vermutlich half der Massentrend sogar. Wo viele Frauen kurzes Haar hatten, fiel keine auf. Die Szene war groß. Ruth Roellig beschrieb 1928 in „Berlins lesbische Frauen“ 13 Klubs. Lotte Hahm leitete ab 1926 den Damenklub Violetta mit über 400 Mitgliedern. Das Heft mit Charlotte Pauls Brief liegt heute digital im Forum Queeres Archiv München.

Echo von heute

Der erste kurze Schnitt

In Babylon Berlin arbeitet Charlotte Ritter, gespielt von Liv Lisa Fries, als Stenotypistin bei der Berliner Polizei. Sie stammt aus armer Familie und will Kriminalpolizistin werden. Die erste Staffel lief 2017 an und spielt 1929, ein Jahr nach Charlotte Pauls Brief, in derselben Stadt.

Der Haarschnitt als Bekenntnis ist geblieben. 2020 sammelte VICE Berichte über queere Haarschnitte im Lockdown. Für viele war der kurze Schnitt eine Erlaubnis, Männlichkeit zu zeigen. Auf TikTok kursieren ähnliche Friseurvideos; ob daraus ein Trend geworden ist, belegt bisher keine seriöse Quelle. Charlotte Pauls Bekannte erlebte 1928 dasselbe. Nach der Schere fühlte sie sich „viel freier, ja glücklicher“.

Quellen und Weiterlesen


Quelle: Forum Queeres Archiv München, Digitalarchiv – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: unklar. Bild: May Wilson Preston, Illustration zu F. Scott Fitzgeralds „Bernice Bobs Her Hair“, The Saturday Evening Post, Mai 1920. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.