- Zeitschrift
- Die Freundin, Berlin (Friedrich Radszuweit Verlag)
- Datum
- 1928
- Heft
- 1928, Nr. 1
- Seite
- 4
- Rubrik
- Meinungsaustausch über Tagesfragen: Die homosexuelle Frau und ihr Beruf
- Absender
- Maria
- Sprache
- Deutsch
Der Brief
Der Leserbrief
Da für viele von uns der Beruf oft der ganze, alleinige Lebensinhalt ist, so wird sicher dieser Meinungsaustausch mit größtem Interesse verfolgt. Glücklich können sich diejenigen schätzen, welche sich infolge ihrer Kenntnisse in gehobener Stellung befinden. Denn diese allein bedingt ja schon die Freiheit und somit die Befriedigung, welche wir, unserer inneren Einstellung nach, so notwendig zum Leben brauchen. Ich meine, jeder homosexuellen Frau, welche das Glück hatte, gute Schulen zu besuchen, muß es bei einiger Energie auch gelingen, den ihr zusagenden Beruf auszusuchen. Wie schwer dagegen ist die Frage zu beantworten, welche in dem ersten Artikel über diese Tagesfrage aufgeworfen wurde. Was sollen die tun, welche waschen, plätten, nähen und kochen müssen, und sich unglücklich dabei fühlen? — Heute, wo der Kampf ums Dasein so schwer, wo die männlichen Berufe in den mittleren und unteren Schichten überfüllt sind? Da hilft denn kein Hineinhorchen in sich, ob man Befriedigung findet. Da bleibt leider der Beruf nur Mittel zum Zweck, weil man leben muß.
Und doch ist auch hier, aus der inneren Veranlagung heraus, die Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbständigkeit ebenso groß und heiß, wie bei der bessergestellten Frau. In demselben Artikel wurde auch der Krankenpflegeberuf genannt. Hierzu möchte ich bemerken, daß eine Pflegerin ohne Liebe zum Beruf, eine sehr schlechte Pflegerin ist. Schleunigst soll sie irgend etwas anderes ergreifen, wenn es auch nichts Befriedigendes für sie ist, aber dann schädigt sie wenigstens nicht leidende Menschen. In jedem anderen Beruf kann man, auch wenn er einem ganz und gar nicht gefällt, einfach weil man „muß“, seine Pflichten exakt erfüllen. Im Krankenpflegeberuf genügt aber nicht bloß Pflichterfüllung, dieser erfordert mehr, viel mehr. Den ganzen Menschen mit vollstem Interesse am Werke, Liebe zum Beruf, Liebe zur leidenden Menschheit. Ohne dies alles ist man eben keine — Pflegerin. Es könnte wohl nun die Frage auftauchen, ob eine viril-homosexuelle Frau überhaupt für diesen Beruf geeignet ist? — Jawohl! — denn, — abgesehen davon, daß eine ganze Menge Kenntnisse erforderlich sind, um den heutigen Ansprüchen zu genügen, ist gerade dieser Beruf dauernd Neuerungen unterworfen. Man lernt nie aus. Geistesgegenwart, zielbewußtes Handeln, genauestes Arbeiten in allen beruflichen Angelegenheiten, bei aller Zartheit eine feste, sichere Hand, Herzensgüte und eine große, große Portion Energie sind Eigenschaften, ohne die eine Pflegerin nicht sein darf. Und, liebe Artgenossinnen, wir alle wissen, wie einsam wir oft sind, und haben doch auch ein Herz voller Zärtlichkeit und Liebe wie andere Menschen. Wo in aller Welt könnte man wohl zweckmäßiger und besser Liebe verschwenden als am Krankenbett? Also es kann, obgleich der Beruf ein durchaus weiblicher ist, auch die viril-homosexuelle Frau darin Befriedigung finden und eine recht gute Pflegerin sein.
Maria.
Die Zeit dahinter
20 Pfennig am Kiosk
Marias Brief erschien in Nr. 1/1928 der Freundin. Wenige Monate später verbot die Behörde das Blatt: ab Juni 1928 für ein Jahr, nach dem Schund- und Schmutzgesetz von 1926. Das schreibt die Historikerin Claudia Schoppmann. Bis dahin lag die Zeitschrift an Kiosken in Deutschland und Österreich, 8 bis 12 Seiten für 20 Pfennig. Die Auflage kennt niemand genau. Die englische Wikipedia schätzt sie auf deutlich über 10.000 Exemplare. Kiosk und Abonnement erreichten auch Frauen in der Provinz, fern der Berliner Klubs.
Die Leserinnen waren vermutlich oft Angestellte. Lotte Hahms Damenklub Violetta, über 400 Mitglieder stark, zog vor allem Angestellte und Verkäuferinnen an. Diese Schicht wuchs. Die Zahl der Angestellten im Reich hatte sich von 1907 bis 1925 mehr als verdoppelt, auf etwa 3,5 Millionen. Das schrieb Hilde Walter 1929 in der Weltbühne; das Portal German History in Documents and Images dokumentiert ihren Text.
Waschen, plätten, nähen
Maria schreibt über Klasse, bevor sie über Liebe schreibt. Wer gute Schulen besuchte, finde mit etwas Energie den passenden Beruf. Was aber sollen die tun, „welche waschen, plätten, nähen und kochen müssen“? Die Männerberufe der mittleren und unteren Schichten seien überfüllt. Da bleibe der Beruf „nur Mittel zum Zweck, weil man leben muß“. Für viele Leserinnen war die Arbeit „der ganze, alleinige Lebensinhalt“. Einen Ehemann, der sie versorgte, hatten sie nicht.
Dann verteidigt Maria die „viril-homosexuelle Frau“. Der Begriff stammt aus der Sexualwissenschaft um Magnus Hirschfeld und ihrer Lehre von den sexuellen Zwischenstufen. Hirschfeld hielt Homosexualität für angeboren, nicht für krankhaft. Paragraf 175 bestrafte nur Sex zwischen Männern. Um 1909 wollte ein Strafrechtsentwurf ihn auf Frauen ausdehnen; dazu kam es nie. 1929 stimmte ein Reichstagsausschuss dafür, den Paragrafen zu streichen. Das Plenum stimmte vor 1933 nie ab, berichtet die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft.
Pflege zwischen Berufung und Beruf
Maria wählt die Krankenpflege, einen Beruf mit eigener Geschichte. Diakonissen und Rotes Kreuz organisierten Pflegerinnen in Mutterhäusern. Die Schwestern lebten gemeinsam, zeitweise ehelos. Sie bekamen Kost, Logis und ein Taschengeld. Im 19. Jahrhundert bot das ledigen Frauen eine Alternative zu Ehe und Mutterschaft. So erklärt es Karen Nolte in einem Vortrag für den DBFK. 1911 nannte Anna von Zimmermann vom Roten Kreuz die Pflege keinen eigentlichen Broterwerb, sondern ein Liebeswerk. Dagegen kämpfte ab 1903 die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands um Agnes Karll: für drei Jahre Ausbildung, geregelte Arbeitszeit, besseren Lohn.
Maria steht zwischen beiden Lagern. Sie verlangt Wissen, Geistesgegenwart und „eine feste, sichere Hand“. Und sie verlangt Liebe. „Eine Pflegerin ohne Liebe zum Beruf“ sei „eine sehr schlechte Pflegerin“. Dann spricht sie aus, was viele Leserinnen kannten: „wir alle wissen, wie einsam wir oft sind“. Ihre Antwort ist der Schlusssatz: „Wo in aller Welt könnte man wohl zweckmäßiger und besser Liebe verschwenden als am Krankenbett?“
Echo von heute
Patsy und Delia
In der BBC-Serie Call the Midwife verlieben sich die Krankenschwester Patsy Mount, gespielt von Emerald Fennell, und Delia Busby, gespielt von Kate Lamb. Die Handlung spielt um 1960. Die beiden müssen ihre Liebe verstecken. Sie besuchen den Gateways Club, einen Lesbenclub, und planen eine Reise nach Paris. Das verzeichnet die Figurenliste der englischen Wikipedia.
Fennell beschrieb die Lage 2016 so: Die beiden müssten ihre Liebe geheim halten, „in a house full of people“ (VisionTV). Zwischen Maria und Patsy liegen gut dreißig Jahre. Das Muster bleibt: Pflege als Gemeinschaft von Frauen, Liebe im Verborgenen. Maria wollte ihre Zärtlichkeit am Krankenbett verschwenden. Patsy und Delia wollen mehr: eine gemeinsame Wohnung.
Quellen und Weiterlesen
- Claudia Schoppmann: Einführung zur lesbischen Subkultur (lesbengeschichte.net, PDF)
- Wikipedia (en): Die Freundin
- GHDI: Hilde Walter, Die Misere des neuen Mittelstandes (1929)
- Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft: Reform of the Penal Code
- Karen Nolte: Vortrag DBFK Berlin (PDF)
- Wikipedia (en): List of Call the Midwife characters
- VisionTV: Call the Midwife – Patsy and Delia storyline (2016)
Quelle: Forum Queeres Archiv München, Digitalarchiv – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja (vorläufig). Bild: Krankenschwester am Bett einer Patientin, um 1920. State Library of Queensland. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
