Seelenblut

Alte Briefe an den Kummerkasten – im Original, übersetzt, erklärt

Auch Eheleute rechnen klar ab

Shanghai, 1932: Yaying verdient so viel wie ihr Verlobter. Beide haben fast nichts. Die Redaktion rät zu getrennten Kassen – „im Westen längst üblich“.

Belebte Nanking Road in Shanghai mit Geschäftshäusern und Straßenbahn, um 1930
Zeitschrift
玲瓏 Linglong, Shanghai
Datum
8.6.1932
Heft
Nr. 53 (Bd. 1, H. 53)
Seite
12
Rubrik
“玲瓏”信箱: 親夫婦明算賬
Absender
雅英 (Yaying)
Sprache
Chinesisch

Der Brief

Die Frage

Original · Chinesisch

珍玲女士:他和我已是多年的朋友。從友誼上。我們更進一步而成為情人了。但是他現在的進款除了開銷之外。所餘的款。祇夠他車資之用。至於我所進款卻和他不相上下。現在我們想結婚。他的負擔一定要加重。請你告訴我這樣的婚姻。將來的生活。可以美滿麼。 妹雅英上

Deutsch

Fräulein Zhenling, er und ich sind seit vielen Jahren befreundet. Aus der Freundschaft ist mehr geworden, wir sind ein Liebespaar. Aber von seinem Einkommen bleibt nach allen Ausgaben nur so viel, dass es für das Fahrgeld reicht. Ich verdiene ungefähr genauso viel wie er. Nun wollen wir heiraten, und seine Last wird gewiss schwerer. Sagen Sie mir: Kann eine solche Ehe glücklich werden? Ihre jüngere Schwester Yaying.

Die Antwort

Original · Chinesisch

雅英女士:你的未婚夫的進款。既是這樣有限。如果能嫁後坐吃,當然不會是滿你的慾望,至于他能力以外的各種娛樂。目前更難享受的。所以若然你存心要做他的內助,你至少暫時犧牲一點。就是在你出嫁以後,繼續你固有的職業。但是要預先說明將來的進款應該獨立。此後你倆娛樂的費用,應取各歸各的辦法。就是親夫婦明算賬。(這種辦法不是出于情理之外的。因為西國早已實行過的)。這樣未婚夫將來的擔負既輕。又能得一位賢內助。我想他一定會繼續望上去做他的事。成功之後。你的希望就可達到。而你倆愛情的結合。從此會比別人更為堅固了。(珍玲)

Deutsch

Fräulein Yaying, wenn das Einkommen Ihres Verlobten so knapp ist, werden Ihre Wünsche nicht erfüllt, falls Sie nach der Hochzeit nur zu Hause sitzen und mitessen. Vergnügungen, die seine Mittel übersteigen, sind vorerst erst recht nicht drin. Wenn Sie ihm also eine Stütze sein wollen, müssen Sie wenigstens vorübergehend ein Opfer bringen: Behalten Sie nach der Heirat Ihre bisherige Arbeit. Vereinbaren Sie aber vorher, dass Ihr Einkommen selbstständig bleibt, und dass Sie beide die Kosten für Vergnügungen jeder für sich tragen. Das heißt: Auch Eheleute rechnen klar ab. (Das ist keineswegs unvernünftig; im Westen ist es längst üblich.) So wird die Last Ihres Verlobten leichter, und er gewinnt eine tüchtige Gefährtin. Ich denke, er wird dann eifrig an seinem Fortkommen arbeiten. Hat er Erfolg, erfüllen sich auch Ihre Hoffnungen, und Ihr Liebesbund wird fester sein als bei anderen. (Zhenling)

Die Zeit dahinter

Zwei Gehälter, kein Spielraum

Yaying und ihr Verlobter sind seit Jahren befreundet, nun wollen sie heiraten. Beide verdienen etwa gleich viel. Ihm bleibt nach allen Ausgaben nur das Fahrgeld. Am 8. Juni 1932 fragt sie in Heft 53 von Linglong, ob eine solche Ehe glücklich werden kann. Die Antwort zeichnet „Zhenling“, sehr wahrscheinlich die Redakteurin Chen Zhenling. Sie rät: Arbeit behalten, Einkommen trennen, Vergnügen bezahlt jeder selbst. Die Überschrift lautet „親夫婦明算賬“: Auch Eheleute rechnen klar ab.

Das Heft erschien seit März 1931 jeden Mittwoch in Shanghai. Es hatte zwei Hälften, Frauenfragen und Kino; lesen sollten es vor allem Studentinnen (Wikipedia). Yaying hat Arbeit und Lohn. Wie eng das Geld in der Stadt war, zeigt eine Erhebung des Sozialamts von 1929/30: Arbeiterfamilien gaben im Schnitt 57 Prozent für Essen aus und 11 Prozent für Miete (ILO, 1935). Eine Frau, die „nur zu Hause sitzt und mitisst“, kann sich das Paar nicht leisten.

Was das Gesetz der Frau gab

Das Zivilgesetzbuch von 1930 verpflichtete den Ehemann, die Kosten des Haushalts zu bestreiten. Zugleich gestand es der Frau ein Sondervermögen zu: Aussteuer, Schmuck, Bargeld (Pairault, EHESS). Die Historikerin Margaret Kuo nennt es das erste chinesische Gesetzbuch mit individuellen Rechten und Gleichheit der Geschlechter. In den Jahrzehnten danach zogen Hunderttausende mit Ehestreitigkeiten vor Gericht (Kuo, 2012). Linglong erklärte seinen Leserinnen in einer Rechtsrubrik, was ihnen bei Heirat und Erbe zustand. Zhenling nutzt diesen Spielraum. Behält Yaying ihr Geld, entlastet sie den Mann und bleibt doch unabhängig.

Louise Edwards zeigt, dass Linglong die Liebesheirat ausdrücklich mit dem neuen Zivilrecht verknüpfte (Edwards, 2011). Yaying und ihr Verlobter sind ein solches Paar. Aus Freundschaft wurde Liebe; von Eltern oder Vermittlern steht im Brief kein Wort.

Der Westen als Vorbild und als Warnung

In Klammern begründet Zhenling ihren Rat: Im Westen sei das längst üblich. Das Heft sah den Westen zwiespältig. 1933 setzte es Amerika auf Platz eins, weil dort die meisten Frauen einen Beruf hätten. Zugleich diente Amerika als Beispiel für einen Fortschritt, der zu weit geht. So liest es Louise Edwards (Edwards, 2011). Um die „moderne Frau“ stritten Reformer und Kritiker. Das Heft nannte sie xin nüxing, die neue Frau, oder modeng nüxing, die moderne. Die einen sahen in ihr den Bruch mit der Vergangenheit, die anderen Konsum und fremden Einfluss (Columbia University).

Yaying soll modern sein, aber nicht verschwenderisch. Vergnügen gibt es, wenn jeder es selbst bezahlt. Am Ende kehrt ein altes Ideal zurück. Zhenling verspricht dem Verlobten eine „賢內助“, wörtlich eine tugendhafte Helferin im Inneren des Hauses. Hat er Erfolg, erfüllen sich auch Yayings Hoffnungen.

Echo von heute

AA zahlen, 50/50 leben

In Hongkong heißt getrenntes Bezahlen „AA制“. Woher das „AA“ kommt, ist ungeklärt. In China zahlt sonst meist, wer höher steht oder einlädt; bei den ersten Dates oft der Mann. Die Apps WeChat Pay und Alipay teilen eine Rechnung inzwischen auf Knopfdruck (Wikipedia).

Auch im Westen, auf den sich Zhenling beruft, ist die Frage offen. 2024 hielten 48 Prozent der Briten eine Teilung nach Einkommen für fair, nur 37 Prozent die hälftige. Wo beide gleich viel verdienen, teilen aber 69 Prozent der Paare halbe-halbe (YouGov). Yaying und ihr Verlobter rechneten 1932 schon so wie viele Paare heute.

Quellen und Weiterlesen


Quelle: Heidelberg, Chinese Women's Magazines – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: unklar; EU: ja (vorläufig). Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Nanking Road, Shanghai, um 1930. Fotograf unbekannt. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.