Seelenblut

Alte Briefe an den Kummerkasten – im Original, übersetzt, erklärt

Der Kaufmann oder der Fiedler

Shanghai, 1934: Eine Achtzehnjährige ernährt mit dreißig Yuan im Monat Mutter und Bruder. Zwei Männer wollen sie heiraten. Sie bittet die Redaktion, für sie zu wählen.

Titelblatt der Zeitschrift Linglong von 1931 mit dem Porträt einer jungen Frau
Zeitschrift
玲瓏 Linglong, Shanghai
Datum
1.1.1934
Heft
Nr. 126 (Bd. 4, H. 1)
Seite
16–18
Rubrik
“玲瓏”信箱: 我的兩個愛人
Absender
章雲 (Zhang Yun), Suzhou, 18 Jahre
Sprache
Chinesisch

Der Brief

Die Frage

Original · Chinesisch

珍玲女士:我是一個很不幸的女子。在七歲就死了親愛的父親。現在祇有母親。同十二歲的弟弟。家裏很窮。在十三歲那年起。得親戚們的幫助。使我在蘇州小學校讀了五年書。今年我是十八歲了。自父親逝世後十一年中,我的母親一直是借債度日,至今負債已近二千餘元,我們的日子不能再過下去,所以想尋一處職業。現在我經了友人介紹,得到一個書局記賬員,月薪三十元,稍能維持家庭中之生活,但是終不能還淸債務。況母老弟幼。我想如此下去,終非久計。若能早早擇人而嫁。使我負担減輕。又使我的母親過幾天安樂的日子,使幼弟能求學上進,將來立足於社會之上。亦不負我父於九泉。我自己的希望亦滿足了。現在我已經有了二個很愛我的人。我因為覺得自己年幼無識,恐遭匪人欺騙。故不顧羞恥,而來求珍玲姊姊請你替我細心的解決一下這是關於一身的幸福啊。(一)陸君年二十四歲,他的身家很淸白,在商業上有相當的地位,品性亦很好,況家中富餘,而且他又是很愛我的。(二)徐君二十九歲,他的出身我不十分明白。不過他的職業的很低微的,現在票房中操琴,況家中已有妻子。我同他的年紀又相差太遠。現在他自願同他的妻子離婚。而同我結合。我因為他待我的情義很深。所以我主意不定。不知擇那一個好。請珍姊在下期玲瓏婦女雜誌上。發表一下。我是感激萬分了。(妹章雲上)

Deutsch

Fräulein Zhenling, ich bin eine sehr unglückliche Frau. Mit sieben verlor ich meinen geliebten Vater. Jetzt habe ich nur noch meine Mutter und meinen zwölfjährigen Bruder. Wir sind sehr arm. Ab meinem dreizehnten Jahr konnte ich mit Hilfe von Verwandten fünf Jahre lang eine Grundschule in Suzhou besuchen. Jetzt bin ich achtzehn. In den elf Jahren seit Vaters Tod hat Mutter immer von Schulden gelebt; inzwischen sind es fast über zweitausend Yuan. So können wir nicht weiterleben, darum suchte ich Arbeit. Durch Vermittlung eines Freundes bin ich jetzt Buchhalterin in einem Verlag, mit dreißig Yuan im Monat. Damit lässt sich der Haushalt knapp halten, aber die Schulden kann ich nie abzahlen. Zudem ist die Mutter alt und der Bruder klein. So kann es auf Dauer nicht gehen. Wenn ich bald einen Mann wählen und heiraten könnte, würde meine Last leichter, meine Mutter hätte ein paar ruhige Tage, mein kleiner Bruder könnte lernen und später in der Gesellschaft Fuß fassen. Ich würde auch meinem Vater in der Unterwelt nicht Unrecht tun, und mein eigener Wunsch wäre erfüllt. Nun gibt es zwei Männer, die mich sehr lieben. Weil ich mich jung und unwissend fühle und fürchte, an einen Betrüger zu geraten, überwinde ich meine Scham und bitte Sie, Schwester Zhenling, es sorgfältig für mich zu entscheiden; es geht um mein Lebensglück. (1) Herr Lu, vierundzwanzig, aus untadeliger Familie, hat eine gute Stellung im Handel, einen guten Charakter, seine Familie ist wohlhabend, und er liebt mich sehr. (2) Herr Xu, neunundzwanzig. Seine Herkunft kenne ich nicht genau. Sein Beruf ist sehr niedrig, er spielt die Fiedel bei einer Laienoper, zudem hat er schon eine Frau. Und der Altersunterschied ist zu groß. Jetzt will er sich von sich aus von seiner Frau scheiden lassen und sich mit mir verbinden. Weil er so innig an mir hängt, kann ich mich nicht entscheiden, wen ich wählen soll. Bitte, Schwester Zhen, veröffentlichen Sie es in der nächsten Nummer der Linglong-Frauenzeitschrift; ich wäre Ihnen unendlich dankbar. (Ihre jüngere Schwester Zhang Yun)

Die Antwort

Original · Chinesisch

章雲女士:婚姻是關於你一生幸福,你能夠坦白提出討論,是很好的,同時我當然要盡我的能力,替你找一個解決。照你來信所提出的兩位愛人,照我的意見還是跟第一位陸君結合好些。因為據你自已所曉得,關於陸君的幾點,都是很好。至於徐君呢,正如來信所說:(一)他年紀太大了點,(二)執業低微,(三)已有妻室。以上三點,年齡大點,和職業低微都不是十分重要的事情。二十九歲,說來也不能說怎樣大,職業那更沒有標準,只要能自食其力,實在沒有貴賤之別。最不易解決的是他早已有了妻室,他要先跟原來的妻子離婚才能與你結合。他的妻離婚後,將來怎樣呢。你須要替她着想。何況她沒有什麼過失,徐君有什麼理由把她休去嗎?所以我以為你還是勸徐君不要這樣了罷。跟陸君結合是更能有幸福的。(珍玲)

Deutsch

Fräulein Zhang Yun, die Ehe betrifft Ihr ganzes Lebensglück. Dass Sie sie offen zur Diskussion stellen, ist sehr gut, und ich will Ihnen nach Kräften eine Lösung finden. Von den beiden Geliebten in Ihrem Brief ist meiner Meinung nach der erste, Herr Lu, die bessere Wahl. Denn alles, was Sie über ihn wissen, ist sehr gut. Bei Herrn Xu gilt, wie Sie schreiben: (1) Er ist etwas zu alt, (2) sein Beruf ist niedrig, (3) er hat schon eine Frau. Von diesen drei Punkten sind das Alter und der niedrige Beruf nicht so wichtig. Neunundzwanzig ist nicht wirklich alt, und für Berufe gibt es erst recht keinen Maßstab; wer sich selbst ernährt, ist weder vornehm noch gering. Am schwierigsten ist, dass er längst verheiratet ist; er müsste sich zuerst von seiner Frau scheiden lassen, um sich mit Ihnen zu verbinden. Was wird aus seiner Frau nach der Scheidung? Daran müssen Sie für sie denken. Zudem hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen – welchen Grund hätte Herr Xu, sie zu verstoßen? Darum meine ich, Sie sollten Herrn Xu davon abraten. Mit Herrn Lu werden Sie glücklicher. (Zhenling)

Die Zeit dahinter

Vorn die Frau, hinten das Kino

Zhang Yun ist 18. Sie lebt mit der Mutter und dem zwölfjährigen Bruder, ging fünf Jahre in Suzhou zur Schule und führt nun die Bücher eines Verlags. Am 1. Januar 1934 druckt Linglong (玲瓏) ihren Brief in Heft 126. Das Wochenblatt im Taschenformat erschien von März 1931 bis August 1937 in Shanghai, rund 298 Nummern. Herausgeber war Lin Zecang. Seine Firma San Ho an der Nanjing Road handelte mit Tischtennisartikeln, Fotobedarf und Bildern von Filmstars und stieg 1925 ins Verlagsgeschäft ein, so die Heidelberger Datenbank ECPO. Die erste Nummer kostete 7 Fen Silber. Man las das Heft von zwei Seiten: vorn die moderne Frau, hinten das Kino (Columbia University).

Die Antworten zeichnet „Zhenling“ (珍玲). Über der Rubrik bittet sie die „Schwestern“, ihre Nöte einzusenden; sie werde sie lösen. Sehr wahrscheinlich steckt Chen Zhenling (陳珍玲) dahinter. Sie redigierte das Heft und übernahm später die Frauenseiten. Keine Quelle nennt sie bisher ausdrücklich als Autorin des Briefkastens.

Dreißig Yuan gegen zweitausend

Zhang Yun verdient 30 Yuan im Monat, 360 im Jahr. Das Sozialamt von Shanghai befragte 1929/30 Arbeiterfamilien. Eine Familie mit im Schnitt fünf Köpfen kam netto auf 417,51 Yuan im Jahr; mehr als die Hälfte ging für Essen weg (Auswertung der ILO, 1935). Die Buchhalterin verdient also allein fast so viel wie eine ganze Arbeiterfamilie. Die Mutter schuldet „fast über zweitausend Yuan“: knapp fünf Jahreseinkommen einer solchen Familie. Zum Preis der ersten Nummer hätte Zhang Yun von einem Monatslohn rund 430 Hefte Linglong kaufen können. Die Schulden tilgt sie nie. Darum soll die Ehe retten, was das Gehalt nicht schafft.

Die Historikerin Louise Edwards beschreibt die Leserinnen als gebildete Frauen mit eigenem Geld und großen Träumen, meist Studentinnen und Angestellte (Edwards, 2011). Zhang Yun gehört dazu, aber nur halb: Sie hat ein Gehalt, doch es gehört der Familie.

Der Fiedler und seine Frau

Herr Xu spielt die Huqin, eine Kniegeige, in einem 票房, einem Klub von Liebhabern der Peking-Oper. Diese 票友 sangen ohne Gage; viele waren gebildet und wohlhabend (China News). Ob Xu dort für Geld begleitet oder aus Liebhaberei, verrät der Brief nicht. Zhang Yun nennt seinen Beruf „sehr niedrig“. Zhenling widerspricht: Wer sich selbst ernährt, ist weder vornehm noch gering.

Das größere Hindernis ist Xus Ehe. Das neue Familienrecht der Republik galt seit dem 5. Mai 1931. Es verbot die Doppelehe; die Nebenfrau kam im Gesetz nicht mehr vor. Der Justiz-Yuan legte 1932 aus: Wer dennoch eine nahm, beging Ehebruch. Die Ehefrau durfte dann die Scheidung verlangen (Li Xiaojing, 2013). Xu will sich scheiden lassen. Zhenling fragt zurück: Welchen Grund hätte er, eine Frau zu verstoßen, die sich nichts zuschulden kommen ließ? Sie denkt an eine Frau, die sie nie gesehen hat, und rät zum Kaufmann Lu.

Echo von heute

Lieber im BMW weinen?

Am 15. Januar 2010 startete Jiangsu TV die Dating-Show Fei Cheng Wu Rao („If You Are the One“). Ein arbeitsloser Bewerber fragte die Kandidatin Ma Nuo, ob sie mit ihm Fahrrad fahren würde. Sie antwortete, lieber weine sie in einem BMW, als auf dem Fahrrad zu lachen (Wikipedia). Kritiker beklagten den Verfall der Werte. Ma Nuo sagte später, sie habe nur originell absagen wollen. Im Juni 2010 griff die Rundfunkbehörde ein: weniger Gerede über Geld und Sex, mehr Kontrolle (China Daily).

Zhang Yun stellte die Frage 76 Jahre früher, ohne Publikum im Studio. Sie will nicht in den BMW. Sie will, dass die Mutter ruhige Tage hat und der Bruder lernen kann. Zhenling rät ihr zum Wohlhabenden. Ihr Grund ist aber nicht das Geld, sondern die Frau des anderen.

Quellen und Weiterlesen


Quelle: Heidelberg, Chinese Women's Magazines – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: unklar; EU: ja (vorläufig). Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Titelblatt der ersten Linglong-Ausgabe, 1931. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.