- Zeitschrift
- Die Gartenlaube, Leipzig (Ernst Keil’s Nachfolger)
- Datum
- 1887
- Heft
- 1887, Heft 10
- Seite
- 164
- Rubrik
- Kleiner Briefkasten
- Absender
- Fr. F…t in Bremen
- Sprache
- Deutsch
Der Brief
Die Antwort der Redaktion
Fr. F…t in Bremen. Ihre Frage, welchen Beruf Ihr Sohn ergreifen soll, ist für uns um so schwerer zu beantworten, als wir weder mit Ihren Verhältnissen noch mit den Kenntnissen und Neigungen Ihres Sohnes vertraut sind. Wir wollen Ihnen aber gern einige Hilfsmittel nennen, welche geeignet sind, Sie über die einzelnen Berufsarten zu orientieren und Ihnen die Wahl für Ihren Sohn zu erleichtern. Zunächst kommt in Frage, welche Schulbildung Ihr Sohn genossen hat. Will er in den Staatsdienst eintreten, so ist eine höhere Schulbildung erforderlich, da er ohne diese über den Subalterndienst nicht hinaus kommt. Hat er kein Gymnasium absolvirt, so ist die Wahl eines Gewerbes dem Staatsdienst vorzuziehen. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Vorschriften über Anstellung und Beförderung in den sämmtlichen Zweigen des Staatsdienstes finden Sie in dem Buche: „Die Berufswahl im Staatsdienst“ von A. Dreger (2. Aufl., Leipzig, C. A. Koch’s Verlag [J. Sengbusch]), das wir Ihnen und überhaupt allen Eltern und Erziehern nicht dringend genug empfehlen können. Dasselbe ist mit Sorgfalt und Sachkenntniß ausgearbeitet und durchaus zuverlässig und vollständig. Ziehen Sie aber eine gewerbliche Berufsart dem Staatsdienst vor, so bietet sich Ihnen ein vortrefflicher Rathgeber in dem Werke „Die Berufswahl unserer Söhne“ von Ernst Rudolph (Wittenberg, R. Herosé). Der Verfasser dieses Buches hat es sich angelegen sein lassen, die Vorzüge und Nachtheile der einzelnen gewerblichen Berufsarten zu beleuchten, und Sie werden sich unter seiner Führung zweifellos leichter entschließen. Rechnen Sie aber auch – wir betonen das nochmals! – mit den Neigungen Ihres Sohnes! Fragen Sie also nicht nur: was soll und was kann er werden? sondern auch: was will der Junge werden? – Für einen Sohn ist die Berufswahl immer noch leichter als für eine Tochter. Da indeß manche Eltern gezwungen sind, sich auch für die letztere nach einem passenden Erwerbszweig umzusehen, so wollen wir bei dieser Gelegenheit zugleich auf ein Buch hinweisen, welches auch hier Rath ertheilt. Dasselbe führt den Titel: „Die Berufswahl unserer Töchter“ von A. von Fragstein (Wittenberg, R. Herosé) und enthält eine genaue Beschreibung aller für das weibliche Geschlecht in Frage kommenden Erwerbsgebiete. Das Werk ist mit Bienenfleiß zusammengestellt und für die gesammte Frauenwelt von hervorragender Wichtigkeit.
Die Zeit dahinter
Das Massenblatt aus Leipzig
Ernst Keil gründete die Gartenlaube 1853 in Leipzig, mit 5.000 Exemplaren. 1861 erreichte sie als erste deutsche Zeitschrift 100.000, 1875 den Höchststand von 382.000. Gelesen haben sie weit mehr Menschen. Familien teilten die Hefte, Leihbibliotheken und Cafés legten sie aus. Unter Keil war das Blatt in den 1860ern radikal-liberal. Nach seinem Tod 1878 wurde es konservativ. Es wollte unterhalten und mied Politik und Religion. 1887 führte Adolf Kröner Verlag und Redaktion. Im Impressum stand weiter „Ernst Keil’s Nachfolger“. Das alles schildert die deutsche Wikipedia.
Die Antwort an „Fr. F…t in Bremen“ steht im „Kleinen Briefkasten“ auf Seite 164 des Jahrgangs 1887. Wikisource hat die Seite abgeschrieben und zweimal gegen den Scan geprüft. Die Redaktion druckte nur ihre Antworten, adressiert mit Kürzel und Ort. Die Frage muss man erschließen. „Fr.“ steht wohl für Frau. Eine Mutter will also wissen, welchen Beruf ihr Sohn ergreifen soll. Ein Brief aus Bremen an eine Leipziger Redaktion zeigt nebenbei, wie weit das Blatt reichte.
Gymnasium oder Gewerbe
Die Redaktion fragt zuerst zurück: Welche Schule hat der Sohn besucht? Ohne höhere Bildung komme er im Staatsdienst „über den Subalterndienst nicht hinaus“. Dann sei ein Gewerbe vorzuziehen. Die Schwelle hatte einen Namen: das Einjährige. Wer am Gymnasium nach Obersekunda versetzt wurde, durfte als Einjährig-Freiwilliger dienen, ein Jahr statt zwei oder drei. Das Privileg öffnete den Weg zum Reserveoffizier. Es kostete Geld. In den 1890ern zahlten die Freiwilligen mindestens 2.000 bis 3.600 Mark für Uniform, Ausrüstung und Unterhalt. 2.000 Mark verdiente ein Dorfschullehrer etwa im Jahr, rechnet die Wikipedia zum Einjährig-Freiwilligen vor.
Die Gartenlaube empfiehlt drei Ratgeber: A. Dreger über die Berufswahl im Staatsdienst, Ernst Rudolph über „Die Berufswahl unserer Söhne“, A. von Fragstein über die Töchter. Katalognachweise fand die Recherche nicht; belegt sind die Bücher hier nur durch diese Seite. Dann folgt ein Satz, der erstaunlich modern klingt. Die Mutter solle nicht nur fragen, was der Sohn werden soll und kann, „sondern auch: was will der Junge werden?“
Die Tochter als Notfall
„Für einen Sohn ist die Berufswahl immer noch leichter als für eine Tochter.“ Manche Eltern seien „gezwungen“, auch für sie einen Erwerb zu suchen. Das Wort verrät die Norm. Bürgerliche Mädchen sollten heiraten und von der Vormundschaft des Vaters in die des Ehemanns wechseln, schreibt die Historikerin Sylvia Schraut bei der bpb. Lehrerin war fast der einzige qualifizierte Beruf für ledige Bürgerinnen. Gouvernante war eine Wartestellung bis zur Ehe. 1869 forderte eine Petition, Frauen zu Bahn, Post und Telegraf zuzulassen. Sie blieb weitgehend erfolglos.
Im Jahr des Briefes rührte sich etwas. 1887 reichte Helene Lange mit anderen Frauen eine Petition in Preußen ein. Sie forderte mehr Einfluss von Frauen an den höheren Mädchenschulen und eine wissenschaftliche Ausbildung für Lehrerinnen. Ihre Begleitschrift kennt man als „Gelbe Broschüre“. Das Ministerium lehnte ab, berichtet das Lebendige Museum Online. Abitur hätte eine Tochter aus Bremen 1887 nicht machen können. Das erste deutsche Mädchengymnasium öffnete 1893 in Karlsruhe. 1899 bestanden dort die ersten vier Schülerinnen die Reifeprüfung, meldet die Wikipedia zu Hedwig Kettler.
Echo von heute
Ehe als Geschäft
In Greta Gerwigs Little Women (2019) erklärt Amy March, gespielt von Florence Pugh, ihrem Freund Laurie, warum sie nicht aus Liebe heiraten kann. Ihr Geld gehöre am Hochzeitstag dem Mann, die Kinder ebenso. Er solle ihr also nicht erzählen, die Ehe sei keine „economic proposition“. Gerwig übernahm den Gedanken nach eigener Aussage fast wörtlich aus einem Gespräch mit Meryl Streep, berichtet The Hollywood Reporter.
Louisa May Alcotts Roman erschien 1868 und 1869. Die Rede gilt als Gerwigs Zusatz. Eine Regisseurin musste 2019 ausformulieren, was die Gartenlaube 1887 in einem Wort sagte: „gezwungen“. Amy bleibt nur die Ehe. Der Bremer Mutter nennt die Redaktion immerhin ein Buch über „alle für das weibliche Geschlecht in Frage kommenden Erwerbsgebiete“.
Quellen und Weiterlesen
- Wikipedia (de): Die Gartenlaube
- Wikisource: Die Gartenlaube (1887), Seite 164
- Wikipedia (de): Einjährig-Freiwilliger
- Sylvia Schraut: Frauen und bürgerliche Frauenbewegung nach 1848 (APuZ/bpb 2019)
- LeMO/DHM: Helene Lange
- Wikipedia (de): Hedwig Kettler
- The Hollywood Reporter: Greta Gerwig says Meryl Streep inspired a powerful scene (2019)
Quelle: Wikisource – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja. Bild: Erste Seite der Gartenlaube, Jahrgang 1887. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons / Wikisource.
