- Zeitschrift
- פארווערטס Forverts (Jewish Daily Forward), New York
- Datum
- 20.1.1906
- Seite
- 4
- Rubrik
- א בינטעל בריעף (A Bintel Brief): Die Uhr und die Nachbarin
- Absender
- eine Arbeiterfrau, ohne Namen
- Sprache
- Jiddisch
Der Brief
Vorbemerkung der Redaktion
Wir beginnen mit dem Sonderbarsten, dem Ungewöhnlichsten. Es ist der Brief einer Frau an ihre Nachbarin. Zuerst, beim Lesen, meinten wir, die Schreiberin wolle der Nachbarin über den „Forverts“ nur einen Stich versetzen. Weiter unten aber ist klar, dass sie solche Gedanken nicht im Sinn hat. Sie will der Nachbarin nichts Böses. Der Brief nennt die Straße und einige Zeichen, an denen die Nachbarin erkennen soll, wer ihr schreibt. Das überspringen wir. Wir drucken nur folgende Zeilen:
Die Frage
Original · Jiddisch
„… מיין באי, דער בעל מפרנס איז טויב וויא דיא וואנט; ער האט אפילו ניט געהערט דיא געוויין פון זיינע אונגליקליכע עלטערן. פאר דיא גאנצע צייט וואס ער ארבייט [?] האט ער געקויפט א וואטש און טשיין אום ער זאל קענען דורך איהם לעבען אין סלעק טיים… וויא פיעל וואכען האבען מיר שוין אונזער לעבען ערהאלטען אין סלעק־טיים דורך דער וואטש. און יעצט, א דאנק גאט דיא סלעק־טיים איז שוין דא, אבער דער וואטש און טשיין איז ניטא… מיין פריינד! איך ווייס גוט אז איהר זייט אויך אן ארעמע ארבייטערין… איך בין אוועק פון הויז אויף א 5 מינוטען. איך האב אייך געבעטען אכטונג געבען א וויילע. ליידער האט איהר… און דיא וואטש איז יעצט ביי אייער פאון שאפ מאן, ניט ביי מיינעם… איך גיב אייך מיין עהרען ווארט אלס א ערליכע [?] פרוי, און איך שווער אייך ביי דעם לעבען פון מיין קראנקען מאן, אז איך וועל מיט אייך בלייבען דיא זעלבע גוטע פריינד וויא מיר זיינען געווען דיא גאנצע דריי יאהר וואס מיר וואהנען צוזאמען אויף איין פלאאר, נור שיקט מיר אפ דעם פאון־טיקעט דורך פאסט; איך וועל זיך מאכען ניט וויסענדיג אז עפעס האט געטראפען… גיט מיר אוועק מיין ברויט.“
Deutsch
„… Mein Junge, der Ernährer, ist taub wie die Wand; er hat nicht einmal das Weinen seiner unglücklichen Eltern gehört. Die ganze Zeit, die er arbeitet [?], hat er sich eine Uhr mit Kette gekauft, damit wir in der flauen Zeit davon leben können… Wie viele Wochen haben wir uns in der flauen Zeit schon mit der Uhr am Leben gehalten! Und jetzt, Gott sei Dank, ist die flaue Zeit schon da, aber die Uhr mit der Kette ist weg… Meine Freundin! Ich weiß gut, dass Sie auch eine arme Arbeiterin sind… Ich bin für fünf Minuten aus dem Haus gegangen. Ich hatte Sie gebeten, eine Weile aufzupassen. Leider haben Sie… Und die Uhr liegt jetzt bei Ihrem Pfandleiher, nicht bei meinem… Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als ehrliche Frau, und ich schwöre Ihnen beim Leben meines kranken Mannes: Ich bleibe mit Ihnen dieselbe gute Freundin, die wir die ganzen drei Jahre waren, in denen wir zusammen auf einer Etage wohnen. Schicken Sie mir nur den Pfandschein mit der Post; ich werde tun, als wüsste ich nicht, dass etwas geschehen ist… Geben Sie mir mein Brot zurück.“
Die Antwort
Original · Jiddisch
עס איז ניט אונמעגליך, אז דער חשד איז אן אומזיסטער. דיא פרוי איז נערוועז פון איהר שלעכטע לאגע. און עס קען זיין אז זיא האט קיין גרונד ניט צו בעשולדיגען איהר שכנ'טע. אבער יעדענפאלס, וואס פאר א בילד פון דעם ארבייטער'ס עלענד ליגט אין דיעזען בריעף! וועלכער קינסטלער וואלט דאס מיט זיין פארשטעלונגס־קראפט געקענט אויסקלעהרען א פערהעלטניס, א סיבה, וואס זאל אזוי טיעף אריינדרינגען אין דעם ארבייטער'ס לאגע וויא דיזע גאנץ געוועהנליכע שורות דרינגען אריין. שילדערט הונדערטע ארבייטער וויא זיי בעגעהען זעלבסט־מארד, וועט דאס דאך ניט מאכען אזא איינדרוק וועגען דיא ערנידריגונג, שטענדיגע פערצווייפלונג, ציטערנעס פאר'ן מארגען, — וויא דיזע געשיכטעלע מיט דיא וואטש און טשיין.
Deutsch
Es ist nicht unmöglich, dass der Verdacht unbegründet ist. Die Frau ist nervös von ihrer schlechten Lage, und vielleicht hat sie keinen Grund, ihre Nachbarin zu beschuldigen. Aber jedenfalls: Was für ein Bild vom Elend des Arbeiters steckt in diesem Brief! Welcher Künstler hätte mit seiner Einbildungskraft eine Lage, einen Grund ausdenken können, der so tief in die Lage des Arbeiters eindringt, wie diese ganz gewöhnlichen Zeilen eindringen? Schildert man Hunderte Arbeiter, die Selbstmord begehen, macht das doch keinen solchen Eindruck von der Erniedrigung, der ständigen Verzweiflung, dem Zittern vor dem Morgen – wie diese kleine Geschichte mit der Uhr und der Kette.
Die Zeit dahinter
Das erste Bündel
Im Januar 1906 legte Leon Gottlieb, Sekretär des Forverts, seinem Chefredakteur Abraham Cahan drei Briefe vor. Sie passten in keine Rubrik. Cahan schlug vor, sie zusammen zu drucken und „A Bintel Brief“ zu nennen, ein Bündel Briefe. Die erste Folge erschien am 20. Januar 1906, die zweite am 29. Januar; danach kam die Rubrik täglich. Den Uhrenbrief hielt Cahan für das beste Bild vom Leben der Arbeiter, besser als jede Erzählung der Literaten (Forward).
Die Redaktion gesteht im Vorspann: Zuerst glaubte sie, die Schreiberin wolle der Nachbarin über die Zeitung nur einen Stich versetzen. Dann erkannte sie: Die Frau will nichts Böses. Straße und Erkennungszeichen ließ sie weg.
Drei Jahre auf einer Etage
Laut Forward-Rückblick kam der Brief aus der Eldridge Street. Dort, im Tenth Ward der Lower East Side, lebten 1903 im Schnitt 665 Menschen auf einem Acre, gut 0,4 Hektar. In einem einzigen Block drängten sich 2.223 Bewohner auf rund zwei Acres, meist frisch eingewanderte Familien aus Russland (Skyscraper Museum). Die Schreiberin wohnt seit drei Jahren mit der Nachbarin „auf einer Etage“. Man passte füreinander auf die Wohnung auf.
Die Wohnung war oft auch Werkstatt. Der Vater nähte am Fenster, im Wohnzimmer saßen bis zu sechs Frauen, der Bügler stand in der Küche am Herd; bezahlt wurde nach Stück (Jewish Women’s Archive). 1897 arbeiteten rund 60 Prozent der jüdischen Erwerbstätigen New Yorks in der Bekleidung (My Jewish Learning).
Die flaue Zeit
Der Sohn ist taub, aber er ist der Ernährer. In guten Wochen kaufte er Uhr und Kette, nicht als Schmuck, sondern als Reserve für die „slack time“, die Saison ohne Aufträge. „Wie viele Wochen haben wir uns in der flauen Zeit schon mit der Uhr am Leben gehalten!“, schreibt die Mutter. Wie hart die Flaute traf, zeigt der Streik der Blusennäherinnen 1909/10. Die Streikenden setzten unter anderem durch, dass die Firmen die Arbeit in der flauen Saison gleich verteilten. Anfängerinnen verdienten 1909 selbst in der Hochsaison nur 3 bis 4 Dollar die Woche (Jewish Women’s Archive).
Nun ist die Flaute da, und die Uhr ist weg. Der Satz „bei Ihrem Pfandleiher, nicht bei meinem“ setzt voraus, dass jede Familie ihren eigenen Pfandleiher kannte.
Spätere Nacherzählungen weichen vom Druck ab. Der Forward-Rückblick schreibt, der Mann der Nachbarin sei arbeitslos gewesen. Liana Finck erzählt, die Frau habe die Uhr selbst versetzt, um Essen zu kaufen (Finck, 2014). Der Scan von 1906 kennt beides nicht. Cahans Antwort zweifelt sogar am Verdacht. Ihm geht es um das Bild: Hundert Berichte über Selbstmorde zeigten das Elend weniger deutlich als diese Geschichte von Uhr und Kette.
Echo von heute
Was beim Pfandleiher liegt
In Uncut Gems (2019) der Brüder Josh und Benny Safdie spielt Adam Sandler den Juwelier Howard Ratner. Sein Laden liegt im Diamond District an der 47th Street; er ist spielsüchtig und verschuldet. Der Basketballstar Kevin Garnett leiht sich einen schwarzen Opal als Glücksbringer und lässt als Sicherheit seinen Meisterschaftsring von 2008 da. Howard versetzt den Ring sofort und setzt das Geld auf eine Wette (Wikipedia).
Bei Howard wird das Pfand zum Spielgeld. 1906 war es die letzte Reserve gegen den Hunger. Die Arbeiterfrau will nur ihr „Brot“ zurück und verspricht der Nachbarin, so zu tun, als sei nichts geschehen. 2014 zeichnete Liana Finck die alten Briefe als Graphic Novel (Interview im Jewish Women’s Archive).
Quellen und Weiterlesen
- Forward: „A Bintel Brief“ Is Born
- Skyscraper Museum: History of Crowding
- Jewish Women's Archive: Lower East Side Tenements
- My Jewish Learning: Jewish Immigrants in the Garment Industry
- Jewish Women's Archive: Uprising of the 20,000 (1909)
- Liana Finck: The Beginnings of A Bintel Brief, My Jewish Learning (2014)
- Wikipedia: Uncut Gems
- Jewish Women's Archive: Interview mit Liana Finck
Quelle: National Library of Israel, Historical Jewish Press – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: ja; EU: ja. Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: „A scene in the ghetto, Hester Street“, New York, um 1902. Library of Congress. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
