- Zeitschrift
- 玲瓏 Linglong, Shanghai
- Datum
- 22.6.1932
- Heft
- Nr. 55 (Bd. 1, H. 55)
- Seite
- 12
- Rubrik
- “玲瓏”信箱: 難道永遠做處女嗎?
- Absender
- 雅娟 (Yajuan), 30 Jahre
- Sprache
- Chinesisch
Der Brief
Die Frage
Original · Chinesisch
珍玲女士:我是一個三十歲的女人,還未結婚,整日留在家裏服侍父母,可是我的哥哥和姊姊們都已結婚,都各有家室了。現在我很願意在外面幹點事業,暫時脫離家庭幾年,但我的哥哥和姊姊們都極力反對,說我不應該離開老年的父母,我的父母對於金錢倒不需要,他們需要別人照顧倒是真的,但這責任我想大可放到小孩子的身上,代替了我,不是很好嗎?你看,倘長此遷延下去,則此生的前程,不是要從此斷送了嗎?請你告訴我應該怎樣做才好。 雅娟上
Deutsch
Fräulein Zhenling, ich bin eine Frau von dreißig und noch unverheiratet. Den ganzen Tag bleibe ich zu Hause und pflege meine Eltern, während meine Brüder und Schwestern alle verheiratet sind und eigene Familien haben. Nun möchte ich gern draußen etwas leisten und mich für ein paar Jahre vom Elternhaus lösen. Aber meine Geschwister sind entschieden dagegen und sagen, ich dürfe die alten Eltern nicht verlassen. Geld brauchen meine Eltern nicht; was sie brauchen, ist jemand, der sich um sie kümmert. Diese Pflicht könnte man doch den Kindern [der Geschwister] übertragen, statt mir – wäre das nicht gut? Sehen Sie: Wenn es so weitergeht, ist meine Zukunft dann nicht für immer verspielt? Bitte sagen Sie mir, was ich tun soll. Yajuan.
Die Antwort
Original · Chinesisch
雅娟女士:你自己的生命,應該你自己有權,好像你的哥哥姊姊們一樣的,倘若你到了三十歲還不趕快謀一番事業的成就,恐怕一生都要從此斷送,因為再延遲幾年,便無論做什麼事,都不甚適宜的了。我不相信犧牲自己的一生像奴隸般來服侍父母是兒女唯的責任,因為父母年老是會死的,他們死了以後,你既一事無成,便祇好倚靠你的哥哥姊姊過活了,所以我勸告你要毫不遲疑地照你的心意去做,不要顧一切,至於你的父母,你可另外找一個人來替你的。(珍玲)
Deutsch
Fräulein Yajuan, über Ihr eigenes Leben sollen Sie selbst bestimmen, genau wie Ihre Brüder und Schwestern. Wenn Sie mit dreißig nicht schleunigst etwas aus sich machen, ist Ihr Leben vielleicht für immer verspielt; denn in ein paar Jahren passt kaum noch etwas. Ich glaube nicht, dass es die einzige Pflicht der Kinder ist, ihr Leben zu opfern und den Eltern wie Sklaven zu dienen. Die Eltern sind alt und werden sterben. Sind sie tot und Sie haben nichts erreicht, bleibt Ihnen nur, von Ihren Geschwistern zu leben. Darum rate ich Ihnen: Tun Sie ohne Zögern, was Ihr Herz will, ohne Rücksicht auf alles andere. Für Ihre Eltern können Sie jemand anderen finden, der Sie vertritt. (Zhenling)
Die Zeit dahinter
Die Tochter, die bleibt
Yajuan ist dreißig und ledig. Ihre Brüder und Schwestern haben geheiratet, sie pflegt die Eltern. Geld brauchen die Alten nicht, nur Pflege. Yajuan will für ein paar Jahre hinaus und arbeiten. Die Geschwister sind dagegen. Linglong druckt ihren Brief am 22. Juni 1932 in Heft 55 unter der Frage „難道永遠做處女嗎?“: Soll ich denn ewig Jungfrau bleiben? Der Brief selbst spricht von Arbeit und Zukunft, nicht von Liebe. Die Überschrift spitzt zu.
Wo Yajuan lebt, verrät der Brief nicht. Das Heft kam aus Shanghai, und es richtete sich vor allem an Studentinnen. Ab 1934 schlug es einen konservativeren Kurs ein (Wikipedia). Zhenlings Antwort fällt vor diese Wende.
Gnade oder Liebe
Zhenling antwortet scharf. Hinter dem Namen steht sehr wahrscheinlich die Redakteurin Chen Zhenling. Über ihr Leben bestimme Yajuan selbst, genau wie ihre Geschwister. Sie glaube nicht, dass Kinder ihr Leben opfern und den Eltern „wie Sklaven“ dienen müssen. Für die Pflege könne Yajuan jemand anderen finden.
Der Gedanke war damals 13 Jahre alt. Im November 1919 erschien in der Zeitschrift Neue Jugend (新青年) Lu Xuns Essay „Wie wir heute Väter sein sollen“. Die Natur gebe den Geschöpfen nicht Gnade (恩), sondern Liebe (爱). Kinder sollten sich zu „einem unabhängigen Menschen“ entwickeln (Lu Xun, 1919). Im Juli 1919 dichtete Hu Shi an seinen Sohn: Er schulde ihm keinen Dank, er solle ein aufrechter Mensch werden, kein gehorsamer Sohn (Hu Shi, 1919).
Lu Xun griff auch einen Satz der Klassiker an: Ein Sohn, der drei Jahre lang den Weg des Vaters nicht ändert, gelte als pietätvoll. Für Lu Xun war das eine Verdrehung und die Wurzel des Rückschritts.
Ba Jin machte den Konflikt zum Roman. Die Familie (家) erschien 1931/32 als Fortsetzungsroman, 1933 als Buch, also genau zur Zeit des Briefs. Juexin beugt sich dem Großvater und einer arrangierten Ehe. Die Magd Mingfeng soll Nebenfrau eines alten Mannes werden und ertränkt sich. Juexins Bruder Juehui geht am Ende nach Shanghai. Junge Leser in ganz China verschlangen das Buch (Wikipedia).
Was nach den Eltern kommt
Zhenling rechnet nüchtern: Die Eltern werden sterben. Hat Yajuan dann nichts erreicht, muss sie von den Geschwistern leben. Hier kreuzt sich der Rat mit dem Recht. Das Zivilgesetzbuch von 1930 gab Töchtern zum ersten Mal in der chinesischen Rechtsgeschichte ein Erbrecht (Pairault, EHESS). Ob Yajuans Familie etwas zu vererben hatte, verrät der Brief nicht.
Yajuan ist das Spiegelbild von Juexin. Er scheitert an einer arrangierten Ehe, sie an gar keiner: Die Familie hält sie von der Heirat wie vom Beruf fern. In Linglong fand sie Stimmen, die ihr recht gaben. Manche Autorinnen rieten sogar ganz von der Ehe ab (Columbia University). Zhenling macht aus der Kindespflicht eine Arbeit. Die kann ein anderer übernehmen, gegen Lohn.
Echo von heute
Shengnü: übrig geblieben mit 27
2007 nahm das chinesische Bildungsministerium laut Staatsmedien das Wort „剩女“ (shengnü) in sein amtliches Wörterverzeichnis auf. Gemeint sind ledige Frauen aus der Stadt, älter als 27, übrig geblieben. Der Frauenverband sortierte sie 2010 nach Alter. Mit dreißig wäre Yajuan eine „必剩客“ gewesen, ein Wortspiel aus „übrig“ und „siegen müssen“ (Ms. Magazine). Die Journalistin Leta Hong Fincher nennt den Begriff Staatspropaganda.
2016 drehte die Kosmetikmarke SK-II den Kurzfilm „Marriage Market Takeover“. Frauen erzählen von enttäuschten Eltern und vom Stolz auf ihre Unabhängigkeit. Am Ende hängen sie auf einem Heiratsmarkt, wo Eltern Steckbriefe ihrer Kinder aushängen, eigene Botschaften auf (Fortune). Der Unterschied: Yajuans Familie hielt sie 1932 von der Ehe fern. Heute drängen Staat und Eltern zur Heirat.
Quellen und Weiterlesen
- Wikipedia: Linglong (magazine)
- Lu Xun: 我们现在怎样做父亲 (1919), marxists.org
- Hu Shi: 我的儿子 (1919), aisixiang
- Wikipedia: Family (Ba Jin novel)
- Pairault (EHESS): Women and property (PDF)
- Columbia University Libraries, Ausstellung Linglong: The Modern Woman
- Leta Hong Fincher: China's Leftover Women, Ms. Magazine (2011)
- Fortune, 7.4.2016: SK-II-Spot über „Leftover Women“
Quelle: Heidelberg, Chinese Women's Magazines – zum Digitalisat. Rechte: gemeinfrei USA: unklar; EU: ja (vorläufig). Übersetzung: Seelenblut, möglichst wörtlich. Bild: Frau im Qipao mit Sonnenschirm, Shanghai, um 1930, handkoloriert. Fotograf unbekannt. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
